Am 12. Mai 2014 von 10 - 12:30 Uhr kann man den INSZENIERTEN FORSCHUNGSAPPARAT rund um Mayers Erden in der Ateliergemeinschaft Schulstraße sehen.
Dort ist ein Kunstkurs von Anne Kückelhaus von der Marienschule mit Ihren Arbeiten zu Besuch, die im Projekt LETTER ART entstanden sind und die ebenso zur Ausstellung REMEMBER 1914-1918 nach Essen reisen.
Noch bis zum 15. Mai ist MAYERS ERDE in Goslar im Bergwerk Rammelsberg aufgebaut, bevor ich die Sachen einpacke um am 20. Mai in Magdeburg um 19 Uhr in einem Vortrag im Kulturhistorischen Museum, dreierlei Geschichten aus Zeit und Erde vorstellen werden.
Sehr herzlich lade ich Sie zu den Veranstaltungen ein!
In der Rezeptions- und Verwendungsgeschichte des ersten Deutschen Toten des Ersten Weltkrieges findet Albert Mayer in der Ausstellung "Menschen im Krieg am Oberrhein 1914-1918" eine besondere Erwähnung. Rainer Brüning - Kurator der Ausstellung - beschreibt Mayer als einen jungen Mann, der begierig darauf aus ist, eine Heldentat zu vollbringen und läßt ihn Richtung Belfort "losstürmen". Sein tragischer Tod dient als Beleg für eine Kriegsbegeisterung im Deutschen Kaiserreich, die zwar allgemein feststellbar ist, im Falle von Albert Mayer, der auf Befehl ein Tag vor Kriegsausbruch auf Patroullie nach Frankreich geschickt wird, durchaus strittig ist.
Sein letzter Brief an seine Eltern ist von Nachdenklichkeit gekennzeichnet und von Todesahnungen durchwachsen. Seine Begeisterung oder gar Freiwilligkeit als ein illegaler und völkerrechtsbrüchiger bewaffneter Reiter nach Frankreich einzufallen, darf bezweifelt werden.
Als ein bürgerlicher Bankierssohn aus Magdeburg ist Mayer durchaus deutsch-national erzogen aber bereits sein Eintritt zum Militär ist nicht von Begeisterung gekennzeichnet. Marc Glotz beschreibt den Menschen Mayer in seiner Broschüre über die tragischen Ereignisse, die zum Tode von Jules André Peugeot und Albert Mayer - den ersten beiden Französischen und Deutschen Gefallenen führen, sehr anschaulich und stellt Mayer´s "Kriegsbegeisterung" in Zweifel: "Der Älteste - Albert - fand sich schließlich nach längerem Zögern bereit, um der Familienehre willen, wie er es selber ausdrückt, die Uniform anzuziehen".
Im Kontext des Projektes "MAYERS ERDE" - dem Versuch die Verwendungsgeschichte von Albert Mayer und seiner Graberde einer künstlerisch-historischen Forschung zu unterziehen, ist das Interview des Kurators aus Karlsruhe insofern von Bedeutung, als dass Tote sich nicht wehren können und sie stets Opfer jeweils aktuell vorherrschender Sichtweisen der Erinnerung werden.
Während des Dritten Reiches steigt Albert Mayer kurzfristig als Erstes Opfer zu einem verehrungswürdigen Helden auf, dessen Graberde zur Widukind Gedächtnisstätte nach Enger gebracht werden, später gerät Mayer in Deutschland in Vergessenheit und bleibt fast nur noch in Frankreich am Tatort in Joncherey in Erinnerung. Man nennt ihn auch Camille Mayer und Legenden bilden sich, er sei möglicherweise ein Elsässer und damit ein doppelt tragisch Gefallener.
In Illfurth auf dem Deutschen Soldatenfriedhof wird ihm ein eigener Grabstein gewidmet, der ihn als Erstgefallenen auszeichnet. In Müllheim wird ihm ein Ehrenraum im Jägerdenkmal für sein Regiment erstellt. Mayer selbst bleibt tot.
Und tot bleibt tot da helfen keine Denkmäler nicht, keine Feldblumen und keine Radieschen.
Ein zentraler Grund, Albert Mayer seine Graberde in einer stillen Geste zurückzubringen sind die vielen Zuweisungen - Held, Opfer, Täter oder Mörder - die ihm zuteilig werden.
Die Ge- und Mißbrauchsgeschichte in einer persönlichen und privaten Geste zu beenden und zugleich diese Handlung als eine Fußnote in die Geschichtsschreibung einzutragen, ist ein Ziel dieser Seiten, meiner Promotion und der vielen gesammelten künsterischen Reaktionen auf seine ehedem "heilige Grabeerde", die in Ilffurth an seinen Ausgangsort zurückkehren soll.
Mehr zu Mayers Erde finden Sie aktuell in Goslar im WELTKULTURERBE RAMMELSBERG in der Installation des inszenierten Forschungsapparates im Kontext von Remember 1914-1918, zu der ich Sie sehr herzlich einladen möchte.
Bei meinen täglichen Recherchen im web bin ich heute auf Mayer´s Blumenerde gestossen. Bei bestem Sonnenschein und aufbrechenden Frühling frage ich mich, ob die Firma Mayer´s auch Graberden im Programm hat. Dann hätte ich nach den Heiligen Erden aus Verdun endlich auch eine moderne Auflagenkunst im Kontext meiner Bemühungen zur Translokation der drei Handvoll Graberden des Albert Mayer.
update > 1914 _ 2014 <
Es ist ein Tag aus der Kategorie "auf abwegen" heute. Während in der Ukraine Lunten lang vergessener Pulverfässer glimmen, scheinen sich Konfliktlinien von 1914 auf 2014 upzudaten. Gedanken zeichnen lila Linien auf meinem Fingerpäd, irgendwo zwischen diesem Blog und den sich aufbauenden Blöcken. Die vielen Wehs zeichnen sich entlang der digitalen Demarkationslinien zwischen dem web und den Weltkriegen auf und aus schwarzem Grund.
Das update > 1914 _ 2014 < ist ein MEER-ALS-SCHWARZ-BILD aus irgendeiner weiteren Serie gedachter Artefaktion.
Das emotive Bild wirkt als Erkenntnissurrogat - der Abgrund der Oberfläche ist dabei dunkel und offensichtlich hintergründig, gedacht.
Ratlos.
Vergessen fast zu erwähnen, dass die Stiftung Warentest am 25. März 2004 der Blumenerde von Mayer (oben) ein eher dürftiges Atest ausstellte. Sie sei ein billiges Produkt mit schwankender Qualität, das sich teilweise durch Nährstoffmangel auszeichnete und in der B-Probe grobe Holzstücke aufweisen konnte.
Das damals diagnostizierte saure Milieu unterstreicht dabei fast schon einen Charakter seltener Erden. Über die Gedanken die sich die Frau mit dem ungestrichenen Handschuh dabei macht, möchte ich mich blumig ausschweigen.
Zwei Bilder für einen wunderschönen Tag wie heute, während die Sonne hinter meinem Monitor versunken ist.
Ruppe Koselleck, am 8. März 2014 im Projekt MAYERS ERDE
Die "blutgetränkte" Erde von Verdun ist bis heute von Überresten menschlicher Knochen und militärischer Kampfmittel kontaminiert - das ganze Schlachtfeld glich einem einzigen verschlammten, vermienten und verstunkenen Grabfeld. Ein einziger Friedhof, über den heute Gräser und Bäume wachsen. Es begann noch während des Krieges ein Prozess, der den umkämpften Boden "heilig" werden ließ - eine Art hilflose Sinnstiftung für das sinnlose Massensterben der Soldaten, die ihr Leben für das jeweilige Vaterland dort lassen mussten.
Solche "heiligen Erden" wurden ritualisiert entnommen und als Originalerden in Sockeln von Denkmälern eingelassen oder etwa in der Langenmarck Halle im Olympia Stadion zu Berlin in einem Schrein verehrt, nachdem diese höchstpersönlich von Carl Diem dorthin befördert wurden.
Dass bis heute der Handel mit Heiligen Erden seine Freunde und Bieter findet, belegt dieser Link zum modernen Reliquien- oder Dokumentenhandel.
Über die Motive der Bieter will ich an dieser Stelle nicht spekulieren. Der streitbare Wert eines vollen oder leeren Jutesacks "Heiliger Erde" wird sich in den Bieterschlachten von 2014 wiederspiegeln. Aktuell sind etwas um 250 Euro geboten.
Immhin gibt es in einem kruden, materiellen Sinn einen Grund zu dieser eigentümlichen "Auratisierung". Der hunderttausenfach dort stattfindendende Tod hinterließ potentiel "Blut, Eisen und Knochenspuren" in der Erde. Was für einen Wert drückt das - wem auch immer - im Jahr 2014 aus?
Anders in dem von mir untersuchten Fall - von Mayers Erde, wo keinerlei reale Spuren des Toten Albert Mayer enthalten sein können. Es handelt sich nur um die Erde einen Meter über seinen sterblichen Überresten, die auf einem Waldfriedhof in Illfurth liegen.
Das allein reichte im Jahr 1937 schon aus, um soviel "Heilige Opferbereitschaft" dort hineinzulegen, dass man daraus eine NS-Reliquie des ersten Toten deutschen Soldaten von 1914 herstellen konnte.
Würde man "Mayers Erde" bei ebay einstellen, könnte sich daraus "Heiliges Kapital" monetarisieren lassen? Und was sollte man mit diesem Geld anfangen? Wäre das dann auratisch aufgeladende Geschichtskapitalia. Seltsame Ideen und Fragen, am Ende einen langen Tages, heute.
Ruppe Koselleck, am 5. März 2014 im Projekt MAYERS ERDE
Der Neuschnee von heute morgen fällt auf die Spanischen Reiter von vor hundert Jahren.
Bis
heute sind die Spuren des Ersten Weltkrieges entlang der überwachsenen
Schützengräben von 1914-1918 in den Vogesen sichtbar geblieben. Aus dem
frischen Schnee auf dem Tête de Faux bei Orbey ragen die Spitzen der
Spanischen Reiter heraus, an denen die angreifenden Gegner wie die sich
zurückziehenden Freunde hängenbleiben sollten.
Militärische Landmarken
versperren den Weg. Rehe, Kaninchen oder achtlose Passanten nehmen heute wie morgen wiederholten und unfreiwilligen Kontakt mit den rostigen
Stacheldrähten des gestrigen Gestern auf. Militariensammler klauben Drähte und
ernten für ihre Sammlungen die erstaunlich zähen Souvenire aus
stacheligen Stahl aus einer furchtbaren Zeit.
Der Schnee von heute morgen reicht nicht, den Krieg und seine Erinnerung an ihn zu verstecken.
Irgendwo
zwischen steinigem Grund und gefrorenen Boden schaue ich auf die
Spitzen der Spanischen Reiterei im Schnee und plane diesen Film über die weisse Konstruktion einer Erinnerung an dunkle Flecken, die nicht meine sind.
Aus den fremden Vergangenheiten vertrauter Väter legiert sich irgendwo in meinem verschneiten Assoziationszentrum ein Rekonstruktionsanlass zwischen
Kitsch und Krieg, Stille und Staunen - 978 Meter über Normal Null in den Vogesen.
Auf der Suche nach Spuren und Formen für
diese Zeit, heute - hundert Jahre danach.
Ruppe Koselleck, am 18. Februar 2014 im Projekt MAYERS ERDE
Auf jeden Toten kommen 12 Touristen Ypern 2014 Auf jeden Touristen kommen 12.000 Tote Syrien 2014
Historische Kriegstote sind Europäisches Geschichtsdoping. Der gefallene Soldat dient weiter als kriegsauslösendes oder friedensstiftendes Motiv politischer Interventionen. Die präzise Erinnerung an Täter und Opfer erscheint als ebenso lästiger wie notwendiger wiederkehrender hundertjähriger Zeitspasmus unserer gemeinsamen Gegenwärtigen Vergangenheiten.
Albert Mayer und Jules André Peugeot - die ersten beiden deutschen und französischen Toten von 1914.
Verbringe eine weitere durchwachte Nacht mit dem Zweifel an meinem Mayer und seinem Peugeot - am Sinn einer künstlerischen und historischen Auseinandersetzung mit den ersten beiden deutschen und französischen Toten von 1914. Einmal eingeschlafen, wieder aufgewacht mit einem klaren Gedanken, den ich hier nur ungenau konstruieren kann.
Der ganze erste Große Krieg wirkt als ein wertvolles Europäisches Geschichtsdoping - Fraglich nur, wohin uns die Inszenierungen und der weitverbreitete Geschichtskonsum dieser Erinnerungen führen werden? Ist es Karneval, wenn am 14. Juli 2014 auf dem Champs Elysees 70 Nationen in historischen Uniformen aktuelle Beine bekommen werden? Wohin geht Europa? Zu den nicht gegründeten Staaten des Friedens von Versailles von 1919 und Sèvre 1920? Zur Ukraine von 2014, zum Kurdistan von 2099 oder dem Syrien von Homs, von heute morgen? Welche Pläne werden geschrieben?
Wie zivil fällt die Erinnerung an den militärischen Imperialismus von 1914 aus? Möchte ich zum Hundertjärhigen Jubiläum des Großen Krieges Uniformen an Gräbern Posaunen spielen sehen? (Und wen interessiert, was ich möchte?) Sollen sie in historischen Kostümen traurige oder fröhliche Märsche blasen? Gibt es einen Zusammenhang von militärischer Ehren der Erinnerung an den Krieg und der neuen Rolle Deutschlands an der Seite Frankreichs in Mali? Mali mir ein kleines Bildchen dazu?
Doch zurück zu Mayer. Seine Erde - der Geschichte des Mißbrauchs der Erinnerung an einen Soldaten, den man ein Tag vor Kriegsausbruch auf Patroullie schickte, um das "Feindesland" zu erkunden und in Joncherey zu töten und getötet zu werden. Seine Graberde wurde 1937 zur Reliquie der Nazis, die mit seiner heroisierenden Verehrung Kinder für den nächsten Krieg gewinnen wollten. Seht hier - Mayers Erde - welch eine Ehre sein wertvollstes - sein Leben für das Vaterland zu geben!
Mayers Erde 40er Jahre
In einem offenen Tontopf zu Enger standen die drei Handvoll Graberde in einem kruden germanischen Kultus in Gemeinschaft mit dem sagenhaften Sachsenkrieger Widukind.
Hinter einem wehrhaften Gitterkorb, an dessen Enden sich dreispitzige Surrogate des "Spanischen Reiters" befanden, wo sich andernortes über den Schützengräben europäische Gedärme bewaffneter Krieger aufspießten.
Spanisches Reitersurrogat
Nichts hatten der Mayer mit dem Widukind - nichts hatte der tote Reiter mit Ostweltfalen am Hute.
Heute ruht Mayers Erde hinter einer doppelten Vergitterung in einem Stahlregal zur Erinnerung an die alte NS Gedächtnis- und Weihestätte für Widukind. Aufbereitet als ein Museumstück des - im übrigen unbedingt zu besuchenden Widukind Museums in Enger.
Es ist an der Zeit, dem ersten Toten seine Erde zurückzubringen. Eine Erde, die weder heilig noch besonders wertvoll, die einfach nur Graberde vom Einzelgrab 4/181 ist, die 1937 auf eine mißbräuchliche Reise ging, die 2014 wieder auf dem Deutschen Soldatenfriedhof zu Illfurth enden soll.
Als eine Fußnote der Geschichte soll die Grabruhe von Albert Mayer an seinem hundertsten Todestag widerhergestellt werden.
Ohne Posaunen - ohne Soldaten. Still.
Offen für die vielen Millionen Toten: Wie funktioniert zivile Erinnerung an den soldatischen Tod?
Im Projekt MAYERS ERDE untersuche ich den Umgang mit historischen Graberden am Beispiel der Erde von Albert Mayer - dem ersten Gefallenen Deutschen Soldaten von 1914. Der Leutnant zu Pferde war am 2. August 1914 und damit ein Tag vor Kriegsausbruch auf einem Patrouillienritt in Joncherey / Delle zu Tode gekommen. Vorher hatte er Jules-André Peugeot erschossen - den ersten französischen Toten des ersten Weltkrieges. Der Umgang mit den beiden ersten Toten des Krieges ist in Deutschland und Frankreich sehr unterschiedlich - der aktuelle Bezug zu beiden bis heute verschieden.
Historisches Holzschild der Widukind Gedächstnisstätte
Ziel meines Projektes ist die Rückführung von Albert Mayers Graberde zu seinem Grab, um die Ge- und Mißbrauchsgeschichte rund um seine Graberde 100 Jahre nach seinem Tod zu beenden. Nachdem im Jahr 1937 mit Genehmigung der französichen Friedhofsverwaltung drei Handvoll Erde vom Einzelgrab 944 entnommen worden waren, wurde daraus eine Blut-und-Boden Reliquie, die in der Widukind Gedächtnisstätte in Enger zur Verehrung gezeigt wurden. Nicht nur dass Albert Mayer wenig bis gar nichts mit dem sagenhaften Sachsenkrieger Widukind und seinem Kampf gegen Karl den Großen zu tun hat, es besteht schlechterdings kein erkennbarer Bezug zu Enger. (Albert Mayer ist gebürtiger Magdeburger und fällt in Joncherey / Frankreich).
Mayers Erde in der Widukind Gedächtnisstätte.
(Des Gedenktryptichon für Albert Mayer ist verschlossen
und hängt unter der vergitterten Graberde.)
Foto: Widukind Museum
Albert Mayers Graberde wird im diffusen Kontext einer kruden NS-Ideologie auratisch verbrämt und es wird ein heroischer Zusammenhang im Kampf gegen Frankreich konstruiert. Eine Linie von Widukind (um 800) zu Mayer (1914) wird gezogen und dabei dem "germanischen Widerstand und heroischen Kampf" gegen den "Erbfeind" Frankreich gehuldigt.
Schon 1939 gilt allerdings Charlemagne als Karl der Große und Widukinds Ruhm verblaßt vor dem "germanisierten" Karl - die Bedeutung der Kult und Gedächtnisstätte um Widukind in Enger verliert dabei an Bedeutung.
Albert Mayers Graberde resp. seine Blut-und-Boden Reliquie geraten allmählich in Vergessenheit, wenn gleich während des zweiten Weltkrieges zu den Öffnungszeiten der Widukind Gedächtnisstätte das Totenbuch der Opfer des ersten Weltkrieges zu den jeweiligen Jahrestagen geöffnet wird und man der Toten gedenkt - immer mit Blick auf ein offenes Tongefäß mit drei Handvoll Erde von Mayers Grab. Darunter ein Gedenktryptichon für den allerersten Toten von 1914.
Dass dabei Graberde den Status von heiliger Erde hat, ist den Zeitgenossen der 30er/40er Jahre ein Begriff. Ein Zeitzeuge berichtete mir, wie er damals als Junge durch die Gedächtnisstätte Gruppen ("für einen Groschen") führte und eigens auf das offene Tongefäß hiwies. Nur unbestimmt wußte der Zeitzeuge von seinem persönlichen Bezug zur Erde zu berichten - "da war irgendwas dran, an der Erde, irgendwas ging davon aus".
In meiner grundlegenden ersten Annäherung an diese Erden, war die Frage der Echtheit der "heiligen" Graberde. Nach Quellenlage beanspruchen die Erden nur den Status der Graberde und enthalten damit nicht Knochenteilen oder Überresten des Toten selsbt. Aber was ist dann dran an oder drin in dieser Erde? Eine Art Aura der dokumentierte Echtheit - eine diffuse Verbindung mit dem "verlorenen" Boden im Elsaß?
Heilige Erden werden beispielsweise auch aus Verdun von den Schlachtfeldern überliefert, dort wo sie blutdurchtränkt ist und von Körperteilen der 700.000 dort gefallenen und zerfetzten Menschen nicht zu trennen ist. Solche Erde gelten bis heute als heilig - und finden sich teilweise in Denkmalssockeln begraben und folgen einer auratischen Strategie der Erinnerung, die durch echte, heilige, blutgetränkte Erden unsichtbar angereichert werden.
Grundsätzlich kann man natürlich solche Erden fälschen und es wäre nicht die erste "Reliquie" im Bereich auratischer Kulte, die "unecht", gefälscht oder verunreinigt, gestreckt etc. sein könnte. Würde "falsche" Erde anders wirken als echt angenommene?
Nachdem ich im März 2013 eine Bodenprobe mit dem Pürkhauer aus der unmittelbaren Friedhofsumgebung genommen hatte, ließen sich die mineralogischen Verwandschaften der Illfurther Erde mit der Erde aus Enger untersuchen. Ich wollte damit ausschliessen, dass man einfach nur Erde aus der Engeraner Nachbarschaft, dem Wiehengebirge oder dem Teutoburger Wald genommen hatte.
Für meinen Plan einer stillen Geste, mit der ich dem Menschen Albert Mayer seine Graberde zurückbringen will, war es relevant festzustellen, ob es sich überhaupt um "seine" Erde handelt, die bis heute noch im Widukind Museum in Enger in einem Regal zwischen NS Relikten der alten Gedächtnisstätte ausgestellt ist.
Mayers Erde im offenen Tontopf
Mayers Erde im Regal, hinter Gittern.
Wenn man nun also unvermittelt vor einem offenen Tontopf voller Erde steht, so ist fraglich, was das bei dem Betrachter auslöst.
Ohne der Information eher gar nichts, was über die grau-braune Erderkenntnis hinaus geht.
Mittels Informationen und musealisierter Kontextualisierung baut sich dann möglicherweise so etwas wie eine Aura auf. Doch was strahlt da? Die alten Zeit? - Achselzucken. Der tote Albert Mayer selbst? Der erste und sogar der zweite Weltkrieg? Und kann man eine alte Blut-und-Boden Reliquie ent-auratisieren? Wie sollte man das anstellen, nachdem ich nun belegen kann, dass diese Anhäufung von drei Handvoll Graberde mit hoher Wahrscheinlich ein Stück Illfurth - ein Stück Elsaß - ein Stück Frankreich ist?
Nimmt während des wissenschaftlichen Vergleichs der Bodenproben die "mögliche" Aura einen Schaden? Oder entsteht durch den Pulver-defraktometer mit seiner radiologisch-mineralogischen Untersuchung (resp. der Durchleuchtung) eine neue quasi rationalistische Aura? Fügte diese Untersuchung dem Friedhofsstempel von 1937 einen neuen radioaktiven Echtheitsstempel hinzu? Erleuchtung durch Durchleuchtung? Im Kontext meiner auratischen Forschungen um die Aura der Graberde im "Duft" des "Authentisch Echten" entstanden dabei neue Bilder und Zuweisungen, die im Prozeß der künstlerischen Forschung zu dem oben vorgestellten Video mündeten.
Stempel der Friedhofsverwaltung von Illfurth 1937
und Unterschriften zur Beglaubigung der Echtheit.
Erdproben im Labor
Friedhof Illfurth 2013 und
Mayers Erde, Enger 1937, auch Iffurth?
Dem vorläufigen Stand meiner ONLINEPROMOTION um Mayers Erde.
Für die wertvolle Zusammenarbeit mit Dr. Markus Bertling und Peter Schmid-Beurmann vom Institut für Mineralogie an der Westfälischen Wilhelms Universität, ohne die es nicht zu den hier aufgeführten Ergebnissen kommen konnte, sei an dieser Stelle sehr herzlich gedankt.
Kommentare oder Hinweise und Einschätzungen zum Promotionsprozeß sind herzlich willkommen und auf den Plattformen auf Youtube, diesem Blog oder auf Facebook möglich.
Am Freitag, den 13. Dezember 2013 hatten Schülerinnen und Schüler des Widukind Gymnasiums in Enger die Ausstellung WELTKULTURERBE eröffnet. Die örtliche Presse berichtete.
Im Kontext meiner Forschungen zu Albert Mayer interessierte mich der Bezug von Jugendlichen zu drei Handvoll Graberde des ersten gefallenen deutschen Soldaten von 1914, die 1937 aus Illfurth (Frankreich) entnommen, 1939 dann als eine Blut und Boden Reliquie in der Widukind Gedächtnisstätte in Enger (Ostwestfalen) verehrt wurden, zwischenzeitlich in einer Kapelle in einer Fensterniesche abgestellt war, um heute im Widukind Museum als ein Museumsstück zur Dokumentation der NS Geschichte in einem offenen Tontopf hinter Gittern in einem Regal zu landen. Was für einen Bezug entwickeln Jugendliche von 2013, wenn man sie mit dem verstaubten Stück konfrontiert - und was würden sie tun, wenn sie die Erde künstlerisch verarbeiten.
In einem zweieinhalb monatigen Kurs kam ich als Künstler und Promovent der Universität Osnabrück regelmäßig zur ungnädigen Zeit um 7:55 Uhr in ihre Klasse um ihre Projekte zu begleiten. Wichtig war mir, daß der erste Kurs im Stile der experimentellen Kunstvermittlung vor dem Jubiläumsjahr 2014 stattfand und der Informationsstand zum ersten Weltkrieg als normalniedrig einzuschätzen ist.
Julius,12. Klasse, Widukind Gymnasium
Neues Marketing aus Ostwestfalen
Ihre Konzepte, Ergebnisse und Vorschläge zum Umgang mit Mayers Erde fielen hochverschieden aus und bezogen sich stark auch auf die Tatsache, daß kaum einer in Enger die Graberde im Tontopf geschweige denn den Albert Mayer kennt. Eine Gruppe gründete sich als Neues Marketing in Ostwestfalen und entwickelte eine Reihe von Ansichtskarten, die die Stadt Enger in Bezug zu Albert Mayer seine Erde setzte.
Enger sieht rot
Andreas, 12. Klasse, Widukind Gymn.
Albert Mayer als gebürtiger Magdeburger ist mit der Stadt in Ostwestfalen nur über diese Graberde verbunden. Weder war er in Enger (zu Lebzeiten) noch hat man ihn fragen können, ob seine Graberde je nach Enger kommen sollte, noch hat man (nach aktueller Quellenlage) seine Familie dazu befragt oder je eine Genehmigung dazu eingeholt. Die Bezugslinie von Mayer zu Enger und weiter zu Widukind, in dessen Gedächtnisstätte, die Blut und Boden Reliquie verehrt werden sollte, geht auf eine Reise von 27 Engeranern zurück, die das Grabfeld in Illfurth besuchten. Dort entnahmen sie mit Genehmigung der französischen Friedhofsverwaltung Erde vom Einzelgrab und ließen sich das auch mit einem Stempel beglaubigen. Wie Widukind, der Sachsenherzog, gegen Charlemange, dem Franzosen ins Felde zog, so kämpfte ja auch Mayer gegen Frankreich. Diese nur mit der Brille nationalsozialistischer Ideologie zu verstehende Widukind-Mayer Verbindung beschehrte Enger die Ehre dieser Erde. Später wurde dann aus Charlemange Karl der Große und der galt dann als Deutscher und das Gedächtnisstätten Konzept von Enger samt Widukind und Mayer geriet aus dem überregionalen Interesse.
Was aber von diesen Kontexten interessierte die Schülerinnen und Schüler von heute? Ausgehend von der eigentlichen, sachlichen Materialität der Erde selbst näherten sie sich ästhetisch und nur hintergründig und nebenseitig historisch dem Themenkomplex. Der Zugang zu den Möglichkeiten, was man alles damit machen kann, sollte so frei wie möglich bleiben und nicht von vorneherein, Denkmuster und Schablonen historischer Betroffenheit über ihre Konzepte und Strategien ihrer Arbeiten legen.
Neben der Idee aus MAYERS ERDE eine Marke zu machen, die als wirksame Heilerde gegen Schußverletzungen hilft und Tote lebendig werden läßt, kam es auch zu höchst magischen Vorgängen, mittels dieser Erde, Kontakt zum Jenseits zu ermöglichen. Der Kontakt wurde über einem Spiegel auf dem ausgestreute Graberdensurrogate lagen, hergestellt - eine schwarz gekleidete Magikerin half den Ratsuchenden, eine Verbindung zum Toten zu legen und stellte Frieden mit dem Toten und dem Überlebenen her. Daß mit ihrer gefilmten Performance durchaus Bezüge zum Okkultismus der 20er Jahre des vergangen Jahrhunderts war dem Zufall geschuldet und nicht der Information, daß Verzweifelte auf der Suche nach den hunderttausend Vermissten bereit waren, den unterschiedlichsten Propheten des diesseitigen Jenseits zu folgen.
Eine andere Gruppe gab sich den Namen ER IST GEFALLEN - WIR FINDEN GEFALLEN. Sie mischte Erde mit Pigmenten und erstellte Farben, die im Stile eines Holi Gulal verarbeitet wurden. Nach einem Exkurs in das Chemie Labor, drehten sie am Freitag, den 13. Dezember noch ein Video, daß am selben Tag in der Ausstellung WELTKULTURERDE gezeigt wurde. (siehe dazu auch: Eingangsvideo dieses Beitrags)
Daß Mayers Erde im Sinne der NS Ideologie den Zweck der Steigerung der Opferbereitschaft diente wird hier ebenso radikal und vergnüglich umgewandelt. Man sollte 1939 Gefallen am Fallen finden und findet 2013 Gefallen an der Umwertung der Erde, der Aufmischung mit Pigmenten zu einer Party. Zum Mayers Holi.
Zu sehen sind Jugendliche, die sich nicht als Opfer verführen lassen - zu sehen sind Jugendliche, die den verstaubten NS Zweck umwidmen und aus Erde und Farbe eine vergnügliche Welt kreieren, inmitten einer Baumschule in Enger. Es steigen Wolken auf. Sie sind weiß gekleidet in Schutzanzügen und lassen bei allem Vergnügen Fragen offen, die wie Wolken in den Dezemberhimmel aufsteigen.
Und der war blau an diesem Freitag, dem 13. -
Nach der Ausstellung gibt es noch die Postkarten noch im Widukind Museum zu kaufen - solange der Vorrat reicht - und demnächst wieder mehr und neues zu alten Graberden aus Enger.
...alles andere ist Bielefeld. Ruppe Koselleck für NEUES MARKeTING IN OSTWESTFALEN
Im Spannungsfeld aus künstlerischer Tätigkeit und einer darin integral verankerten Promotion im Kontext einer experimentellen didaktischen Forschung - kurz dem Versuch und der ästhetischen Versuchung eines DR. KUNST am Fachbereich Kunst und seiner Vermittlung reifte der Entschluß als ONLINEPROMOVENT dieses Vorhaben umzusetzen.
Das künstlerische Vorhaben ist ebenso elementar wie kompliziert umzusetzen.
100 Jahre nach dem Tod des Albert Mayer - des ersten gefallenen deutschen Sodaten des ersten Weltkrieges, will ich drei Handvoll seiner Graberde, die 1937 von seinem Grab entwendet wurden und die zwischenzeitlich als "Blut und Boden Reliquie" verehrt, als deplatzierte Erde in einer Kapelle abgestellt oder als Museumstück in einem Tongefäß in einem Museum ohne persönlichem Bezug zu Mayer gezeigt wurden, an sein Grab in einer stillen Geste zurückbringen.
Mayers Erde im Widukind Museum
Albert Mayers Grab in Illfurth
Den gesellschaftlichen Bezug zu MAYERS ERDE aus der Perspektive von heute zu untersuchen, seine Wirkung auf Jugendliche zu beforschen und zugleich Vorschläge des Umgangs mit ihr zu befragen, indem ich mit Schülerinnen und Schülern dazu künstlerisch arbeite, ist das Thema meiner ebenso experimentellen wie didaktischen Promotion im Fach Kunst.
Als Aktualisierungsstrategie für eine so staubige Angelegenheit wie einem alten Tontopf voller Erde aus einer anderen Epoche erschien mir das Web mit seinen kommunikativen Möglichkeiten, sozialen Medien und seiner ebenso wirren wie vertrauten Oberfläche das richtige Wirklichkeitssegment für einen Dialog mit der Generation der digital natives zu sein.
So beschloss ich also ein ONLINEPROMOVENT zu werden, dessen Quellen frei ins Netz diffundieren sollen und der aus den Reaktionen neue Quellen und Strategien generieren will. Die Grenzen von Promotion und promotion im Sinne von PR verlaufen dabei partiell unscharf und eine Demarkationslinie zwischen Kunst und Leben bzw. zwischen Kunst und Promotion wird dabei aufgeweicht werden.
Die Grenzen von Schule, Universität, Unterricht, Ausstellung, Seminararbeit, Produkiton und Rezeption werden dabei beständig unterlaufen und miteinander verwoben.
Wo ich bin, ist Promotion.
Meine forscherische Reise durch den realen Raum der Archive, der Gedenkstätten, der Labore, der Wanderwege oder der Jahrestage aus dem Leben eines Toten, sind Thema der Dokumentation im Blog und meiner viralen und virtuellen Websistenz, die ich zu führen begonnen habe und die hier Kapitel um Kapitel, eine Promotion fortschreiben will.
oder als erste Setzung wird dieser Satz
aufgestellt, weil es in dem Kunstbetrieb, in dem ich gewöhnlich arbeite, es
als durchaus schändlich gilt, didaktisch zu sein.
Wir haben viele heimliche Lehrer unter uns, deren bereinigte Lebensläufe in Katalogen und weiteren Selbstdarstellungen nachzulesen wären. Im Sinne von Verschweigen heißt Zeigen, will ich diesen Umstand nur erwähnen und nicht mit Fingern auf die zeigen, deren Marktwert schwinden könnte. Schlimmer aber noch als die Existenz als LehrerIn gilt es das Didaktische im Werk zu beschreiben.
Wird ein
künstlerisches Werk didaktisch geheißen, so schmälert das seine künstlerische
Wirkung immens und es schmäht das den Produzenten tief. "Das Werk will etwas", "Aus Kunst wird Wunst." u.ä. Es gilt als sträflich bis unverzeihlich, wenn ein pädagogischer Zeigefinger als werkimmanentes Belehrungsinstrument durch Leinwand, Farbe oder Installette hindurchschimmert.
Gegenteilig dazu will ich behaupten, dass nicht wenige Positionen der aktuellen Kunst hochgeradig didaktisch
sind und manche es sogar sein wollen. Didaktische Strategien in der Kunst hieß daher zunächst auch das erste Exposé für das Promotionsvorhaben.
Und vor aller allzuschicker Kritik am Didaktiktrick will ich mich dazu bekennen. Ja, ich bin Didaktiker - ich vermittle gern und halte das Gespräch und den Dialog für wesentlich künstlerisch, denn ohne seine Vermittlung, gibt es gar kein Kunstwerk. Dazu jedoch später.
Der Akt des Mittelns selbst ist mir ein vergnüglicher und das Dialogische im Kunstunterricht - ganz gleich ob an Schulen, Akademien oder Universitäten - verhält sich nicht zwangsläufig widersprüchlich zur möglicherweise freien bildenden Kunst.
Kunst wird durch Text erst schön, denn wenn wir nicht wissen, was wir sehen, sehen wir nur mehr oder weniger gelungene Kompositionen, an deren Ende mono- oder polychromale Melancholien der Leere stehen. Dass auch diese dann eine eigenständige Berechtigung haben könnten, kann jedoch nur im Kontext, im Wissen und im Vergleich mit unserer Kunstgeschichte gesehen werden.
Zwecks vergnüglicher Polemisierung der befeindenten Disziplinen der Kunst und eben seiner Kunstvermittler entwickelte ich das PKW - das pädagogische Kunstwerke, deren Vermittlungsabsicht sich auf die Gesamtheit des zur Christianisierung erweiterten Ameisenstaates aufruft und beständig darum bemüht ist, die Zielgruppenerweiterung in Zeiten der totalen Didaktisierung des Alltags zu erhöhen.
Dass man dabei den Tauben das Sehen lehren solle, beschliesst das letzte Video, deren Kompetenzkompetenz Fragen aufwirft, die an dieser Stelle unbeantwortet bleiben sollen.